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Weniger ist mehr! 

In wenigen Wochen sind Sommerferien und manche starten in den Urlaub. Für die Gymnasiasten ist eh schon alles gelaufen, andere haben noch Prüfungen vor sich. Die Älteren können sich zurücklehnen und haben den ganzen Leistungsdruck längst hinter sich. Aber auch die Berufstätigen brauchen dringend Pausen und immer wieder Erholung. Zur Ruhe kommen, mal Pause machen, ist durchaus biblisch. Schließlich hat Gott die Ruhe ja erfunden. Er hat sich sogar selbst ausgeruht – am 7. Tag, heißt es im Schöpfungsbericht. Was für Juden der Sabbat bedeutet, ist für uns Christen, seit der Auferstehung von Jesus, der Sonntag – eine unverzichtbare wöchentliche Ruhepause. Wer nicht im Schichtdienst, in der Pflege, im Nah- und Fernverkehr, in den Einsatz- und Rettungsdiensten arbeitet, redet vom Wochenende. Dabei war Jahrhunderte lang der 1. Tag der Woche der Sonntag. Heute steht er in allen weltlichen Kalendern am Ende als 7. Tag der Woche. Es ist schon etwas Besonderes in unserer jüdisch-christlichen Tradition. In der Antike gab es keine freien Tage. Frühere Jahrhunderte kannten keine Ferien. Und dass es samstags keine Schule gibt, ist auch noch nicht immer so gewesen. Beim Arbeiten ist es inzwischen umgedreht, da wird oft durchgerödelt. Der Kampf um die Ladenöffnungszeiten, Gewinne und Wirtschaftswachstum macht deutlich, wo die Prioritäten liegen.An die, die hinterm Ladentisch oder am Fließband stehen müssen, denkt da kaum einer.

Im Buch Kohelet, dem Prediger des Alten Testamentes, habe ich einen Satz gefunden, der mir ganz passend scheint, bevor wir in die Ferien und zum Urlaub starten.

„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“

Du kannst ein Leben lang arbeiten und wirtschaften – das gehört zu unserem Leben dazu. Aber es ist nicht alles! Also die Frage steht nicht nur bei IKEA: „Lebst du schon, oder schraubst du noch?“

Sicher war es für viele sinnvoll, vor den Prüfungen intensiv zu lernen. Sicher ist es wichtig, wenn ein Auftrag, eine Arbeit, ein Projekt fertig werden muss, loszulegen und dranzubleiben. Aber, wenn wir ohne Luft zu holen rotieren, gehen wir irgendwann kaputt. Das hat nichts mit Faulsein zu tun. Erst wenn ich neue Kraft getankt habe, geht’s mit neuem Elan weiter. Wenn ich ausgebrannt, ausgepowert bin, ist das für mich und meine Mitmenschen nur belastend und überhaupt nicht hilfreich.

Gott will durchaus, dass wir uns einbringen, dass wir unsere Kraft und unsere Gaben nutzen, aber er will nicht, dass wir uns dabei kaputtrödeln. Jesus hat uns das vorgemacht, er hat mit seinen Freunden gefeiert, Pausen gemacht, das Leben genossen. Die ihn nicht abkonnten, haben ihn einen „Fresser und Weinsäufer“ genannt (Lk 7, 34). Vielleicht war es nur der Neid derer, die ständig versucht haben, durch ihre Leistung Gott etwas zu beweisen. Bei Jesus waren sie damit an der falschen Adresse.

Manchmal ist weniger mehr! Mehr Konzentration auf das Eigentliche, auf das, was letztendlich zählt. In einem alten Gesangbuchlied heißt es: „Lass mich einfältig werden“. Das kann man leicht falsch verstehen – ein bisschen meschugge, schlicht, eben ein Einfaltspinsel. Das ist damit aber nicht gemeint. Der Liedermacher Matthias Claudius meint in seinem Abendlied etwas anderes, was heute noch hochaktuell ist:Wir werden ständig zugemüllt mit Forderungen, mit Werbung, mit Ansprüchen. Die Bitte, „lass mich aus der Vielfalt zum Eigentlichen durchdringen“ – nicht X-verschiedenen Falten, Spuren, Möglichkeiten folgen, sondern in einer Spur gehen – in Gottes Spur! – diese Bitte kann uns weiterbringen. Ich denke, die Ferien- und Urlaubszeit ist so eine Möglichkeit, sich neu über die wirklich wichtigen Dinge in unserem Leben klar zu werden.

Es darf ruhig ein Urlaub mit der Bibel sein. Überlegt bitte genau, was ihr einpackt, was wirklich wichtig ist. Eins weiß ich ganz sicher: Der Terminkalender, mein Computer, mein Wecker und was mir alles im Kopf rumgeistert, das ist es nicht. Meine Bibel pack ich ein und andere mir wertvolle Dinge, für die ich sonst kaum Zeit finde.

Ich wünsch Ihnen und euch, dass es gelingt, mal abzuschalten, nicht alles mitzuschleppen – wie bei einer Bergtour, nur das wirklich Notwendige einzupacken. Denn weniger ist manchmal mehr.

Und vielleicht wirkt das dann auch in unseren Alltag hinein:

„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“

Einen erholsamen und behüteten Sommer wünscht Ihnen und euch

Ihr/euerPfarrer Andreas Hermsdorf